Zur Geschichte der SPD

Die vorliegende Übersicht ist eine Kurzfassung
der ausführlichen Parteigeschichte auf den WWW-Seiten der SPD-Bundespartei.

1848: Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung

Frühindustrialisierung und Bevölkerungswachstum lösen auch im Deutschen Bund Massenverelendung und tiefe Strukturveränderungen aus. Oppositionelle Bestrebungen werden scharf unterdrückt. Kurz vor 1848/49 formieren sich zwei Strömungen der organisierten Arbeiterbewegung: Der kleine Bund der Kommunisten unter Führung von Karl Marx und Friedrich Engels sowie die Arbeiterverbrüderung mit ca. 15.000 Mitgliedern unter Leitung von Stephan Born. Erste Gewerkschaften entstehen. Die Revolution scheitert und die organisierte Arbeiterbewegung wird unterdrückt.

1863 - 1869: Gründung der Arbeiterparteien

Während die Industrialisierung an Fahrt gewinnt, liberalisiert sich das politische Klima in Preußen. Ferdinand Lassalle gründet 1863 in Leipzig den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, der sich auf dem Gothaer Kongress 1875 mit der 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vereinigt. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung formiert sich in Berufsverbänden in den 1860er Jahren.

1871: Reichsgründung - 1878: Sozialistengesetz

Die Gründung des Deutschen Reichs unter Führung Bismarcks und Preußens führt zu einem Wirtschaftsboom. Gewerkschaftsbewegung und Arbeiterparteien erleiden Unterdrückungsmaßnahmen durch die konservative Reichsleitung, die Bundesstaaten und weite Kreise der Unternehmerschaft. Bismarck bringt 1878 das Sozialistengesetz im Reichstag durch. Es werden mit wenigen Ausnahmen alle sozialistischen und freigewerkschaftlichen Bestrebungen verboten. Sozialdemokraten werden zu "vaterlandslosen Gesellen" erklärt.

1890/91: SPD und Gewerkschaften im Aufwind

Durch die Industrialisierung nimmt der Anteil der Arbeiterschaft an der Erwerbsbevölkerung rasch zu. Trotz des Sozialistengesetzes unterstützt die arbeitende Bevölkerung die SPD, wie sie seit 1890 heißt. Als das Sozialistengesetz nicht verlängert wird, erreicht die SPD bei den Reichstagswahlen 1890 mit 19,7 Prozent der Stimmen den höchsten Wähleranteil. Sie gewinnt fortan durchgängig hinzu, steht 1912 bei 34,8 Prozent und bildet nun auch die stärkste Fraktion im Reichstag. Die Gewerkschaften formieren sich 1890 neu und erzielen seit 1895 ungeheure Mitgliederzuwächse.

Auf dem Erfurter Parteitag 1891 wendet sich die SPD zu marxistischen Annahmen und Überzeugungen hin. Das Erfurter Programm lehnt sich an Marx und Engels an und fordert unverzügliche, tiefgreifende Reformen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Mit Veröffentlichungen von Rosa Luxemburg und anderen setzen scharfe interne Auseinandersetzungen über Grundlagen und den Kurs der Sozialdemokratie ein. Im Umfeld der Sozialdemokratie entfaltet sich eine breite Arbeiterkulturbewegung. Die sozialistischen Parteien schliessen sich 1889 in Paris zur sogenannten II. Internationale zusammen; die SPD erringt hier eine Führungsrolle.

1914-1919: Weltkrieg und Revolution in Deutschland

Obwohl die SPD weiter im Programm revolutionäre Veränderungen in Wirtschaft und Politik fordert, wirkt sie in den Kommunen und in manchen Ländern an konkreten Reformvorhaben mit. Unter dem Einfluss der Gewerkschaften entscheidet sie sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges für die Unterstützung des Reichs in der militärischen Auseinandersetzung. Teile der SPD, die dies nicht mittragen wollen, gründen zunächst den Spartakusbund und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands.

Nach der militärischen Niederlage und Abschaffung der Monarchie übernehmen die Mehrheits- und die Unabhängige Sozialdemokratie (MSPD, USPD) die Reichsleitung und führen allgemeine, gleiche Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung durch. Erstmals gibt es in Deutschland ein Frauenwahlrecht, als erste Frau spricht Marie Juchacz 1919 in einem deutschen Parlament. Im Zuge der Revolution werden die Gewerkschaften von Unternehmerseite endlich als Tarifpartner anerkannt. Friedrich Ebert wird Reichspräsident. Die SPD wird zur maßgeblichen politischen Kraft auf dem Boden der Weimarer Verfassung.

Am linken Rand der Arbeiterbewegung formiert sich 1918/19 die KPD als neue, revolutionäre Kraft. Die KPD wird, indem sie den linken Flügel der USPD an sich bindet, zur Massenpartei und gerät unter den Einfluss des sowjetischen Kommunismus. Die reformorientierten Teile der USPD vereinigen sich 1922 wieder mit der MSPD. Scheidelinie zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ist die Frage der Demokratie; die Kommunisten streben eine Diktatur nach sowjetischem Vorbild an.

1918/19-1933: Spaltung - Kampf um die Demokratie - Niederlage

Die Weimarer Republik ist zunächst von scharfen Auseinandersetzungen um den Versailler Friedensvertrag und um die Konsolidierung der Machtverhältnisse im Reich geprägt. Erst in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stabilisiert sich das politische System. Die SPD kann wichtige Reformen durchsetzen, die einen modernen Sozialstaat zum Ziel haben. Sie wird in einer Reihe von Bundesstaaten und in vielen Großstädten zur wichtigsten gestaltenden politischen Kraft.

Nach der Weltwirtschaftskrise ab 1930 erstarken die extremen Kräfte. Die Arbeitslosigkeit nimmt ein nie gekanntes Ausmaß an. Begünstigt durch konservative und reaktionäre Kreise gewinnt die extreme Rechte in der Hitler-Bewegung ungemein an Einfluss. Die anhaltende Spaltung der deutschen politischen Arbeiterbewegung begünstigt diesen Aufstieg, verursacht ihn aber nicht. Ende Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler. Der Terror der Nationalsozialisten gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, setzt ein. In der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz, mit dem alle bürgerlichen Parteien Hitler formell zum Diktator machen, bäumt sich die deutsche Sozialdemokratie als einzige politische Kraft gegen diese furchtbare Entwicklung auf.

1933-1945: Widerstand und Emigration

Nach der Machtergreifung werden Sozialdemokraten wie auch andere Gegner des Nationalsozialismus verhaftet, misshandelt, ermordet. Führungskräfte der Sozialdemokratie halten als Exil-Parteivorstand (Sopade) zunächst von Prag, später von London aus die Führungsstruktur der Sozialdemokratie aufrecht. Sie versuchen, Kontakt zu halten und Widerstandszirkel zu organisieren. Widerstandsgruppen bilden sich vielfach im Arbeitermilieu. Die Sozialdemokraten versuchen im Prager Manifest von 1934 die demokratischen Kräfte zu bündeln. Trotz Annäherungen gibt es keine Einigung mit den kommunistischen Exil- und Widerstandskräften. Sozialdemokraten und Gewerkschafter wie Julius Leber und Wilhem Leuschner beteiligen sich an dem gescheiterten Aufstandsversuch vom 20. Juli 1944 und werden von Hitlers Schergen umgebracht.

1945-1949: Neubeginn und Teilung

Die zweite Weltkrieg endet in Europa am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation und führt zur Aufteilung des Deutschen Reichs in Besatzungszonen. Unter Kurt Schumacher, der eine Vereinigung mit den Kommunisten kategorisch ablehnt, formiert sich in den Westzonen die SPD als eine demokratisch-sozialistische Volkspartei, die eine Öffnung zu den Mittelschichten anstrebt. Die Gewerkschaften formieren sich unter der Aufsicht der Westalliierten neu, überwinden ihre richtungsgewerkschaftliche Spaltung und bilden 1949 den Deutschen Gewerkschaftsbund als Einheitsgewerkschaft.

In der Ostzone gelingt es der KPD unter Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht mit Unterstützung der sowjetischen Machthaber die starken sozialdemokratischen Kräfte in ein Parteibündnis zu zwingen (Zwangsvereinigung 1946) und die SED als diktatorische Einheitspartei zu konstituieren. Kommunisten besetzen die Schlüsselpositionen der neuen Partei, und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund gerät unter deren Herrschaft.

1949 entstehen die Bundesrepublik Deutschland und die DDR; am Bonner Grundgesetz haben Sozialdemokraten, allen voran Carlo Schmid, maßgeblich mitgewirkt. Die SPD erreicht im Westen bei den ersten Wahlen zum Deutschen Bundestag 29,2 Prozent der Stimmen. Mit ganz knapper Mehrheit kann die CDU die Führung der jungen Republik übernehmen.

1949-1969: Wiederaufbau, 'Kalter Krieg', Westintegration

Als Oppositionspartei im Bundestag gewinnt die SPD in den 1950er Jahren immer stärkeren Einfluss in den Städten und Ländern. Außenpolitisch lehnt sie Adenauers Westpolitik ab. Sie bejaht die Römischen Verträge und schwenkt Ende der 50er Jahre auf den Kurs der Westintegration ein. In der DDR haben am 17. Juni 1953 sowjetische Panzer die Herrschaft des SED-Regimes gerettet: Der Massenaufstand von Arbeitern wird niedergeschlagen. 1961 vollendet der Mauerbau auch physisch die Spaltung des Landes.

Die SPD verabschiedet 1959 das Godesberger Grundsatzprogramm und öffnet sich zur Volkspartei. Sie gewinnt breite Wählerschichten hinzu, Willy Brandt und Herbert Wehner führen sie in die Regierungsverantwortung - ab 1966 im Rahmen einer Großen Koalition mit der CDU, seit 1969 in einer sozial-liberalen Koalition mit der FDP. Dem gehen 1966 die Übernahme der Regierungsverantwortung in Nordrhein-Westfalen und 1969 die Wahl von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten voraus.

1969-1982: Reformen, Demokratie, Frieden

1969 wird Willy Brandt der erste sozial-demokratische Bundeskanzler der Nachkriegsgeschichte. Er ergänzt die Westintegration durch die neue Ostpolitik, die zu einem geregelten Nebeneinander mit den kommunistisch regierten Ländern führt. Für diese Politik, an deren Entwicklung auch Egon Bahr einen wichtigen Anteil hat, erhält Willy Brandt 1972 den Friedensnobelpreis.

Ende der 1960er Jahre kann sich die SPD zugleich an die Spitze starker Reformkräfte der westdeutschen Gesellschaft setzen, die auch von der Studentenbewegung in Gang gesetzt worden sind. 1972 erringt Willy Brandt einen überzeugenden Wahlsieg. Nach Enttarnung eines DDR-Spions im Kanzleramt übergibt er 1974 das Amt an Helmut Schmidt. Unter sozialdemokratischer Führung wird in den 1970er Jahren die Herausforderung des Links-Terrorismus überwunden und es gelingt, Ölkrisen und andere weltwirtschaftliche Turbulenzen zu meistern. Die Politik dieser beiden sozialdemokratischen Kanzler mehrt die soziale Gerechtigkeit in Deutschland durch den Ausbau des Sozialstaats und verschafft der Bundesrepublik Deutschland internationales Ansehen. Die SPD führt eine intensive Debatte über Abrüstung, Rüstungspolitik und Friedenssicherung.

1982-1989: Opposition, Erneuerung, deutsche Vereinigung

1982 verlässt die FDP die Koalition und verschafft den Unionsparteien die Mehrheit in Bonn. Die SPD wird in die Opposition zurückgeworfen und beginnt ihre programmatischer Erneuerung, in der sie ihre Rolle als demokratische Partei in einem hochentwickelten Industrieland neu definiert und Antworten auf die Herausforderungen durch die neuen sozialen Bewegungen formuliert. Sie erstarkt sie in den Landtagen und übernimmt Regierungsverantwortung in der Mehrheit der Länder. Obwohl 1987 Willy Brandt den Vorsitz der Partei an Hans-Jochen Vogel übergibt, bleibt seine Stimme in der Politik von Gewicht, besonders als 1989 die Berliner Mauer fällt - "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" -, die kommunistischen Diktaturen zusammenbrechen und die beiden deutschen Staaten vereinigt werden. Noch unter der SED-Diktatur wird in der DDR die SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR) als Bruderpartei der westdeutschen SPD gegründet; 1990 verschmelzen beide Parteien.

1990er Jahre: Die Zukunft gewinnen

1989 wird in Berlin ein neues >Grundsatzprogramm verabschiedet, das die Ergebnisse der Diskussion zur sozialen und ökologischen Erneuerung der Industriegesellschaft bündelt. Nach einer Phase, in der die SPD ihre Position in den Ländern ausbaut, doch bundespolitisch in der Opposition bleibt, werden Innovation und Gerechtigkeit die Leitbegriffe, unter denen die SPD unter der Führung von Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder die Bundestagswahl am 27. September 1998 gewinnt.

Der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Koalition aus Sozialdemokraten und Grünen nehmen sich ein ehrgeiziges Reformprogramm vor, das auf die Korrektur sozialer Ungerechtigkeiten, die Ordnung der zerrütteten Staatsfinanzen, eine umfassende Steuerreform und Investitionen in Zukunftsaufgaben zielt. Nach dem Rücktritt Oskar Lafontaines von allen seinen Ämtern wird Gerhard Schröder im April 1999 auch Parteivorsitzender. Der Berliner Parteitag im Dezember 1999 bestätigt ihn in diesem Amt und wählt Franz Müntefering zum neuen Generalsekretär der Partei. Die SPD ist an der Jahrhundertwende wieder die wichtigste gestaltende politische Kraft in Deutschland.


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